Damaliges Ölfeld in Wietze
Georg Christian Konrad Hunäus
Damalige Bohrtürme
Altes Ölfass im Deutschen Erdölmuseum in Wietze
Öltanks im Deutschen Erdölmuseum Wietze
Öltank im Deutschen Erdölmuseum Wietze
Bohrköpfe im Deutschen Erdölmuseum Wietze
Heutige Bohreinrichtungen für Tiefenbohrungen
Heutige Bohreinrichtungen für Tiefenbohrungen
Heutige Bohreinrichtungen für Tiefenbohrungen

Geschichte: Das Ölfieber in Wietze

Es begann alles mit Hunäus...

Georg Christian Konrad Hunäus - Ein Mann, der Geschichte schreibt

Bodenschätze waren der Lebenszweck der Harzer Bergmannsfamilie mit dem lateinisierten Namen Hunäus. Über Generationen „Bergfaktoren“ oder „Markscheider“, lebten sie eigentlich fast mehr unter als auf der Erde.

Das änderte sich erst mit Georg Christian Konrad Hunäus, der 1802 in Goslar geboren wurde und sich als studierter Geodät mehr für die Form und Größe von Bergen als für deren Schätze interessierte. In Celle wurde er Oberlehrer für Mathematik, schrieb für die Schulen ein viel beachtetes Lehrbuch der „körperlichen Geometrie“, wurde zum Professor ernannt, war Gründungsmitglied der Technischen Hochschule in Hannover, wurde königlicher Geheimer Rat und starb hoch geehrt und gefeiert mit 80 Jahren.

Dass aus dem kleinen Heideschulmeisterlein über Nacht ein in aller Welt bekannter Wissenschaftler geworden war, verdankt Georg Christian Hunäus allerdings weniger seinem Wissen, sondern einem Zufall.


Was hatte es mit dem "schwarzen Schlamm der Heidjer" auf sich?

Im Celler Land wussten die Bauern seit Jahrhunderten – urkundlich erstmals1652 erwähnt –   den öligen Schlamm zu schätzen, der vor allem nach regenreichen Sommern überall aus der Erde hervordrängte. Sie legten auf ihren Höfen Teerkuhlen an, in denen der „Smeer“ gelagert wurde – eine segensreiche schmierige Pampe. Sie machten Wagenschmiere daraus oder Wundsalben für Mensch und Tier – die sogenannte Schwarze Salbe, und wenn mal besonders viel „Satansspeck“ angesammelt war, verkauften die Bauern ihn an die Werften an der Küste als Dichtungsmaterial für Schiffsplanken.


Für die Heidjer war der schwarze Schlamm ein Segen, für die Wissenschaftler ein Rätsel.

Mehrheitlich waren die der Meinung, dieser „Theer“ würde von größeren, tiefer liegenden Braunkohleschichten „ausgeschwitzt“, sei also ein Indiz für einen lohnenden Kohleabbau. Und als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution auch das von Landwirtschaft geprägte Königreich Hannover erreichte, erinnerte man sich bei der Suche nach Rohstoffen der Teerkuhlen rund um Celle und beschloss, die darunter vermuteten Kohlevorräte abzubauen. Georg Christian Hunäus mittlerweile Professor für Geognosie am Polytechnikum in Hannover sollte das Projekt leiten. Im Juli 1858 war es so weit, Hunäus brachte in Wietze die erste Bohrung nieder.


Hunäus findet einen neuen Rohstoff: das "Erdöl"

Wie überrascht muss der Kohleexperte gewesen sein, als in der Tiefe von 35,6 Metern Öl sprudelte statt Braunkohle bröselte. Hunäus’ technischer Leiter, der Salineninspektor Hahse meldete dennoch den königlichen Behörden Vollzug: „Die beträchtliche Menge des reinsten   und äußerst bequem zu gewinnenden Teers wird dem Vaterlande, insbesondere dem Dorf Wietze (…) unabsehbaren Wohlstand und Segen bringen.“ Lange vor dem Wohlstand brachte die Hunäus-Bohrung nicht nur dem Celler Umland, sondern der ganzen Welt, die Kenntnis von einem neuen Rohstoff, der Gesellschaft, Industrie und Wirtschaft des kommenden Zeitalters revolutionieren sollte, und gleich auch noch dessen Namen: „Erdöl“ schien Hunäus am passendsten.


Nach Hunäus brach in Wietze das Ölfieber aus

Es dauerte allerdings immerhin rund 40 Jahre bis auch die Wietzer bereit waren, ihren Satansspeck als Schwarzes Gold zu schätzen, als 1899, aus einer Tiefe von 270 Metern, frei fließendes Öl an die Oberfläche sprudelte. 2500 Tonnen pro Zeiteinheit wurden damals gefördert. Ein Jahr später waren es bereits 27 000 Tonnen pro Zeiteinheit – in Wietze brach das Ölfieber aus. Das stille Dorf wurde zum Magneten für die deutsche Bergbau- und Förderindustrie. 25 Unternehmen perforierten schon 1903 mit ihren Borhmeißeln den Sandboden der Heide, und ihr Dichter, Hermann Löns, befürchtete das Schlimmste:

„Es zischt der Dampf, der Ruß, der schwirrt

Der Meißel frisst sich in den Sand

Der schwarze Tod geht durch das Land.“

 

Die Betroffenen sahen eher den Fortschritt, den das Öl brachte: die Energieversorgung wurde großstädtischem Standard angepasst, Straßen und Eisenbahnlinien wurden gebaut, die Aller von Celle bis zur Leinemündung kanalisiert und so schiffbar gemacht. Und für die immer schneller wachsende Zahl von Arbeitskräften bauten die Erdölgesellschaften neue Siedlungen. Die repräsentativen Villen, die sie gleichzeitig für ihre Direktoren errichteten, genießen heute als Architekturzeugnisse der Gründerzeit Museumsrang.

 

52 Gesellschaften hatten in der Mitte der 1930er-Jahre rund um Celle ihre Claims abgesteckt, von denen kurze Zeit darauf 24 in der DEA, der Deutschen Erdöl AG aufgingen.

Wietze deckte damals etwa 80 Prozent der deutschen Inlandnachfrage nach Erdöl.


Und dann, 1964, war Schluss mit dem Schwarzen Gold. Der Abbau in Wietze und Umgebung war unrentabel geworden. Bis zur Stilllegung der Förderbetriebe hat es in Wietze über 2000 Bohrungen gegeben, 1600 davon waren erfolgreich. Dazu kam ein Bergwerk, aus dem Bergleute, die man in Wietze Ölmuckel nannte, zwischen 1918 und 1964 eine Million Tonnen Ölsand gefördert hatten.

Gespenstisch ragten auf einmal die nutzlos gewordenen Bohrtürme in den Himmel, Stille herrschte in den Bohrlöchern, Schicht im Schacht. Und da wo 1858 in Wietze die erste Ölbohrung der Welt niedergebracht wurde, erinnert heute eine eher bescheidene Tafel an den Erdölpionier Hunäus.


Was bleibt, ist die Stadt Celle als "das Zentrum der internationalen Bohrindustrie"

Aber ehe im Celler Land größere Trauer aufkommen konnte, stellte sich heraus, dass in Wietze nicht umsonst gebohrt worden war. Die großen Öl-Fördergebiete Europas liegen heute zwar   unter der Nordsee, aber der europaweite Hotspot der Bohr-Hightech ist Celle. 100 Jahre Bohrerfahrung, ein international einmaliger Ausbildungsstandard für Bohrtechniker, den die Celler Bohrmeisterschule garantiert, und das Stelldichein der internationalen Erdöl-Spitzenindustrie, die sich in Celle im Clustermanagement für   Erdöl/Erdgas/Erdwärme – kurz „GeoEnergy Celle e.V.“ zusammengeschlossen hat, machen das Heidestädtchen zum „absoluten Zentrum der internationalen Bohrindustrie“. Alle, auch die wichtigsten internationalen Serviceunternehmen der Branche, haben in Celle ihre Filialen. „Wer irgendwo auf der Welt in der Bohrindustrie tätig ist, hat einen Fuß in Celle“, sagt einer der Großen des Gewerbes, der Celler Wissenschaftler und Topmanager der Bohrindustrie, Dr. Rainer Jürgens.

 

Ein Phänomen dieser Celler Bohr-Elite ist, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Branchen-Kooperationen oder -Netzwerken vom vertrauensvollen, fast intimen Umgang ihres Führungspersonals geprägt ist. Vergleichbare Ausbildungswege, nahezu identische praktische Erfahrungen und daraus resultierend ein fast kollektiver Pioniergeist, mit dem sie die Probleme ihrer Branche angehen. Das schweißt zusammen und macht Partner aus Konkurrenten. Rainer Jürgens, Gründer und Inhaber des Bohrspezialisten Micon Mining and Construction Products in Celle: „Unsere Bohrer werden nur im Bergbau eingesetzt. Das hat historisch-biografische Gründe. Ich war 22 Jahre bei Baker Hughes, Houston, in der Celler Filiale Geschäftsführer und Vice President, dann fünf Jahre bei der ITAG (Internationale Tiefbohr GmbH), auch in Celle. Es gibt da das Gentlemen’s Agreement, sich nicht aus deren Produktpalette zu bedienen.“

 

Eine Produktpiraterie, die ein Mann wie Rainer Jürgens am allerwenigsten nötig hat, denn der studierte Maschinenbauer und Bohrprofi hat ein Gerät entwickelt, das in der großen weiten Ölwelt einzigartig ist: das „Rotary Vertical Drilling System“. „Mit diesem Hightechgerät bohren wir inzwischen in der ganzen Welt.“ Es handelt sich um ein System, das die Senkrechte misst und auf ein Hundertstel Grad genau Bohrabweichungen ermittelt und korrigiert. Ich bin der Einzige, der diese Bohrung beherrscht“, sagt Rainer Jürgens. Dass Micon im Augenblick mit der Lieferung nicht nachkommt, hängt mit dem Ruhm seines Computer-Bohrers zusammen, der zur Rettung der im August 2010 verschütteten chilenischen Bergleute eigens aus der fernen Mongolei nach Chile geflogen wurde.


Ein Zusammenschluss von internationaler Bedeutung

Erfindungsgeist, Risikobereitschaft, Kompetenz und handwerkliche Qualität sind die Grundlage für das hohe internationale Ansehen der Celler Bohrbrigade. So wundert es nicht, dass die sich nun auch anschickt, im Bereich der Geothermie eine internationale Führungsrolle zu übernehmen. Angetrieben von der ehrgeizigen und engagierten Ersten   Stadträtin der Stadt Celle, Dr. Susanne Schmitt, haben sich führende Unternehmen der Branche zusammen geschlossen, um die „Technologiekompetenz insbesondere der Geothermie“ zu vermarkten. Susanne Schmitt hat dieses erstaunlich aktive Energie-Netzwerk zu einem Projekt der Stadt gemacht und erreicht, dass GeoEnergy Celle von der Europäischen Union gefördert wird. Schon arbeiten die ersten Tiefenbohr-Projekte der Celler Gruppe vor allem in Süddeutschland erfolgreich, andere, alle mit Bohr-Contractoren aus dem GeoEnergy-Netzwerk, sind in Vorbereitung. Energy-Drilling hat Konjunktur.


Sinnvolle Verbindung von Zukunft und Vergangenheit der Celler Erdölgeschichte

Mit der couragierten Schmitt-Initiative schließt sich der Kreis, denn das Geothermie-Netzwerk verbindet in seinen Mitgliedsunternehmen Vergangenheit und Zukunft der Celler Erdölgeschichte auf eindrucksvolle Weise. Stehen auf der einen Seite die ITAGs, Haliburtons oder Micons, die die Ölförderung vorantreiben, sichern auf der anderen Institutionen wie die Deutsche Bohrmeisterschule und das Deutsche Erdölmuseum Wietze den technischen Fortschritt fachlich und kulturpolitisch ab.


Tipp: Besuchen Sie das Deutsche Erdölmuseum in Wietze, das sich mitten auf einem ehemaligen Ölfeld befindet, und erfahren Sie anschaulich die Geschichte des "Ölfiebers".
 

Mit einer Fülle von Programmen und Tagungen hält Museumsleiter Dr. Stephan Lütgert die Celler Ölgeschichte lebendig. Und liefert damit für das Celler Land weit mehr als nur romantische Heimatkunde. Vor allem die Schau alter Maschinen und Geräte an ihren originalen Plätzen auf dem 18 000 Quadratmeter großen Freigelände, das die Deutsche Texaco AG der Gemeinde Wietze schenkte, vermittelt einen nachhaltigen Eindruck von der Erdölproduktion im frühen 20. Jahrhundert.

 

Dagegen ist die 1937 gegründete Bohrmeisterschule unter der Leitung von Dr. Udo Grossmann der Gegenwart und Zukunft verpflichtet und versorgt die internationale Erdölwelt mit hoch qualifizierten Fachleuten. Die weltweit einmaligen Lehrgänge in den Fachrichtungen Bohr-, Förder- und Untertagespeichertechnik vermitteln den Lehrgangsteilnehmern das Wissen, mit dem sie von Dubai bis Texas zu begehrten und gesuchten Fachleuten avancieren. Außerdem ist die Bohrmeisterschule Celle eine zentrale Aus- und Fortbildungseinrichtung der deutschen und internationalen Erdöl- und Erdgasindustrie, die staatlich zertifizierte Berufsrankings vergibt.

 

Von der heimatlichen Schöpfkuhle zur internationalen Bohrmetropole – ein gewaltiger Schritt, den Georg Christian Konrad Hunäus 1858 mit einer Schaufel begonnen hat.

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